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Miura Concept: Nachschlag
21.01.2006
Als der Lamborghini Miura 1966 beim Genfer Salon seinen ersten Auftritt hatte löste er einen Schock aus: Wo bisher Frontmotoren das Maß aller Dinge waren, stellte der Zwölfzylinder aus SantAgata die Dinge auf den Kopf. Hier arbeitete nicht nur ein Mittelmotor wie bei reinrassigen Rennwagen, sondern dieser war auch noch quer montiert. Es war etwas entstanden, was es so vorher noch nicht gegeben hatte und das einen prägenden Einfluß auf die zukünftige Vorstellung von einem Supersportwagen haben sollte. Marcello Gandini, Designer in Diensten von Bertone, hatte die hochkarätige Technik mit einem ebenso aufregenden Kleid verhüllt. Nie gesehene Dinge wie die liegenden Klapp-Scheinwerfer sowie die schwarze Lamellenabdeckung des Motorraums wurden kombiniert mit aufregenden Karosserieschwüngen und einer ausgeprägten Abrisskante am Heck. Alles wirkte ein bißchen roh und ungeglättet damit aber auch animalisch und wild. Der originale Miura platzt schon im Stand vor Kraft aus allen Nähten. Inzwischen ist Lamborghini im Besitz von Audi. Mit dem Gallardo und dem Murcielago aus der Feder des bisherigen Chefdesigners Luc Donckerwolke haben die Ingolstädter bewiesen, dass sie die Marke verstehen und weiterentwickeln können. Soweit so gut. Auf der Detroit-Motorshow 2006 löste eine Lamborghini-Studie erneut einen Schock aus: Walter de'Silva, oberste Designautorität des Audi-Verbunds, hatte sich an einem aufgefrischten Miura versucht. Auch wenn die Begeisterung der Medien ohne Grenzen war das Show Car zeigt Retro-Design der negativen Art. Trotz der Beteuerung, dass man die Substanz der Urform nicht angetastet und lediglich behutsam "perfektioniert" habe, ist das Ergebnis enttäuschend. So wurden die ausdrucksstarke Grafik der Scheinwerfer zugunsten einer flach wirkenden Klarglasoptik aufgegeben und auch die visuell starken Lamellen des Luftauslasses der Fronthaube haben sich verflüchtigt. Die Lufteinlässe des Mittelmotors an der B-Säule sind so "optimiert" worden, dass die Computerarbeit förmlich in die Augen springt. Auch die wundervollen Räder des Originals waren nur Blaupause für übertriebene Alus im Tuner-Stil. Das zugegeben Unperfekte, das die Persönlichkeit des ersten Miura ausmacht, wurde bei der Studie konsequent weggehobelt. Plastikspielzeug aus den Sechziger Jahren wirkt ähnlich: Die Produktionstechnik war noch nicht so ausgefeilt, man mußte bei Spielzeugautos die Vorlagen vereinfachen. Meistens sah das recht banal aus, und genauso kommt die Lamborghini-Studie rüber. Zugunsten einer kalten und digitalen Glätte wurde die warme, ungezügelte Kraft des Originals eliminiert. Nur die aerodynamischen Schwächen des Originals scheinen erhalten geblieben zu sein. Dass das technische Layout des Miura Concept nichts von der kreativen Ingenieurleistung und der wegweisenden Konzeption des Originals hat, spielt dann schon keine Rolle mehr. Walter de'Silva hat sich mit dieser Studie keinen Gefallen getan. Der Italiener ist sicher gut. Gleichwohl kann man darüber streiten, ob die Arbeiten die er nach seiner Zeit bei Alfa Romeo abgeliefert hat den Starkult um seine Person rechtfertigen. Das Lamborghini Miura Concept geht jedenfalls einen Schritt zu weit: Aus einer Mona Lisa macht man keinen Comic!
(Text: Rainer Roßbach ) |
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